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Meldungen

Hier finden Sie die Meldungen aus dem Bereich des Bevölkerungs- und Katastrophenschutzes.


1,8 Mio. Ehrenamtliche – "Helfende Hände" als Rückgrat unseres Bevölkerungsschutzes

Anlass
Verleihung des Förderpreises „Helfende Hand 2011“
Datum
02.12.2011
Ort
Berlin
Redner
Dr. Hans-Peter Friedrich, Bundesminister des Innern

(Es gilt das gesprochene Wort.)

Mit dem Förderpreis „Helfende Hand 2011“ zeichnen wir heute herausragende Beispiele für ehrenamtliches Engagement im Bevölkerungsschutz aus.

Der Preis wurde im Jahr 2009 eingeführt und ausgelobt, um einmal im Jahr die Leistungen der Helferinnen und Helfer im Bevölkerungsschutz zu würdigen und in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stellen – mit Erfolg, wie wir feststellen:

Die Resonanz nimmt von Jahr zu Jahr zu.

So gab es wieder viele gute Ideen und zahlreiche spannende Bewerbungen.

Die Qualität der eingereichten Projekte ist seit den Anfängen des Wettbewerbes im Durchschnitt deutlich gestiegen und liegt auch in diesem Jahr auf einem sehr hohen Niveau.

In diesem Jahr verleihen wir zum ersten Mal auch einen Publikumspreis.

Ca.  10.000 Interessierte haben sich an der Internet-Abstimmung beteiligt und dort ihr Lieblingsprojekt ausgewählt.

Wir dürfen auf das Ergebnis gespannt sein.

Ich danke allen Bewerbern für Ihre Beteiligung und Ihr Engagement.

Gleichzeitig gilt mein Dank allen, die sich im Bevölkerungsschutz für ihre Mitmenschen engagieren:

  • Sie setzen sich für andere Menschen ein, ohne Aufhebens darum zu machen.
  • Sie stellen Zeit, Arbeitskraft, Engagement und persönlichen Beistand zur Verfügung und beweisen in den unterschiedlichsten Einsätzen Ihr Können.
  • Sie schützen unser Land und die Bürgerinnen und Bürger.
  • Zugleich leisten Sie einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Sie sind Vorbilder für unsere Gesellschaft. Ich danke Ihnen dafür!

Das Logo unseres Förderpreises ist ein treffendes Sinnbild für Ihre Leistungen:

  • In Notfällen sind Sie für Ihre Mitmenschen da und reichen Ihnen eine „Helfende Hand“.
  • Und Sie unterstützten sich auch gegenseitig.

Bevölkerungsschutz ist Teamarbeit. Bei einer Katastrophe oder einem großen Unglücksfall bedarf es vieler „helfender Hände“.

Wir haben in Deutschland ein Notfallvorsorgesystem aufgebaut, das sich traditionell nur auf wenige professionelle Kräfte und ganz überwiegend auf ehrenamtliche Helferinnen und Helfer stützt.

Rund 1,8 Millionen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer engagieren sich in Deutschland freiwillig im Bevölkerungsschutz, davon

  • rund 1,1 Mio. freiwillige Feuerwehrleute,
  • rund 600.000 Freiwillige bei den großen Hilfsorganisationen Arbeiter-Samariter-Bund, Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter-Unfall-Hilfe und Malteser Hilfsdienst
  • rund 80.000 Freiwillige beim Technischen Hilfswerk und
  • rund 20.000 in den Regieeinheiten von Kreisen und Städten.

Sie alle bilden das Rückgrat des deutschen Bevölkerungsschutzes.

Wir können stolz sein auf dieses gewachsene System, das auch im Ausland höchste Anerkennung findet.

Allein mit Berufskräften, Hauptamtlichen, könnten wir das so gar nicht erreichen – schon gar nicht finanzieren.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt, der durch Ihr Engagement vermittelt wird, ist unbezahlbar.

Sie sind der Kitt, der unserer Gesellschaft zusammenhält, sie lebendig und lebenswert macht.

Unsere ehrenamtlichen Helfer sind auf breiter Fläche verteilt und verfügbar.

Sie leisten damit einen bedeutenden Beitrag zur Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse von Stadt und Land.

Dieser Ausgleichsgedanke ist ein strukturpolitischer Ansatz, der uns von vielen anderen Ländern unterscheidet.

Und – als überzeugter Verfechter des ländlichen Raums – meine ich: der uns im besten Sinne von ihnen abhebt.

Sich nicht ausschließlich und funktional auf Ballungsräume zu fokussieren, sondern sich den Blick auf den ländlichen Raum mit all seinen Stärken und Schwächen zu bewahren:

Das hat auch etwas mit Bindung zu tun, mit Heimat, mit einer Lebensqualität, die sich nicht allein in wirtschaftlichen Daten und Fakten bemessen lässt.

Feuerwehren, THW, Hilfsorganisationen und Regieeinheiten stehen  wie nur wenige andere Organisationen für das Miteinander, die Bindung an die Menschen und die Kommune vor Ort.

Gerade im ländlichen Raum gewährleisten sie nicht nur das Sicherheitsniveau. Sie sind auch Rückhalt des kommunalen und kulturellen Lebens.

Ich sage das auch als gleichsam „Bundeskommunalminister“.

Eine der zentralen Herausforderungen ist es deshalb, die Zukunftsfähigkeit unseres ehrenamtlich organisierten Bevölkerungsschutzes zu gewährleisten.

Es geht um den Erhalt der flächendeckenden Präsenz – auch bei sich ändernden Rahmenbedingungen.

Für die Funktionsfähigkeit und Tragfähigkeit unseres Bevölkerungsschutzes sind Helfergewinnung und Helferbindung  eine Überlebensfrage, die eng mit der Präsenz in der Fläche gekoppelt ist.

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 ist zugleich die Mitwirkungspflicht von rund 60.000 für den Bevölkerungsschutz freigestellten Wehrpflichtigen entfallen.

Wir haben damit ein zentrales Instrument für die Nachwuchsgewinnung verloren. Insbesondere die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk ist davon betroffen.

Zusätzlich fällt durch die Wehrstrukturreform ein Teil unserer „stillen Personalreserve“ bei der Bundeswehr weg, die wir bisher im Notfall mit heranziehen konnten.

Das Gleiche gilt für spezielle technische Ausstattung wie schweres Räumgerät und Lufttransportkapazitäten.

Der neue Bundesfreiwilligendienst kann in erster Linie nur den wegfallenden Zivildienst ersetzen. Auf den Bevölkerungsschutz passt das derzeitige Format einer Vollzeittätigkeit nicht ohne Weiteres.

Die Struktur der Hilfsorganisationen bietet aktuell wenig Potential für solche Vollzeittätigkeiten.

Unsere Freiwilligen engagieren sich überwiegend nach Feierabend und am Wochenende.

Ich kann mir aber vorstellen, dass sich befristete Vollzeittätigkeiten im Rahmen eines solchen Dienstjahres auch in unsere Hilfsorganisationen strukturell sinnvoll einbinden lassen.

Junge Menschen werden durch eine befristete Vollzeittätigkeit mit der jeweiligen Organisation vertraut gemacht und auch längerfristig emotional gebunden.

Gleichzeitig werden Ehrenamtliche von Verwaltungs- und Organisationsaufgaben entlastet.

Es lohnt sich, hier über Möglichkeiten und Chancen nachzudenken!

Weit mehr als die Wehrstrukturreform wird sich jedoch der demografische Wandel auf unsere Helferzahlen auswirken.

Wir werden weniger, älter und bunter.

Jugendliche und junge Erwachsene, die wir als Nachwuchs in den Organisationen und besonders für den Einsatz brauchen, werden weniger. Zugleich wird ihre freie Zeit knapper.

Das beginnt heute schon in der Schule:

  • Konzentration von Schulstandorten,
  • längere Anfahrtswege,
  • die Einführung von Ganztagsschulen
  • und die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur

Das setzt sich in der Ausbildungszeit fort, beispielsweise im Hochschulbereich durch die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge.

Im Berufsleben schließlich verlangen Arbeitgeber eine höhere Mobilität als je zuvor. Wann also noch ehrenamtliches Engagement?

Dem gegenüber steht eine Fülle anderer Freizeitangebote, die es früher so nicht gab: Fitness, Wellness, Computerspiele, das Internet mit seinen sozialen Netzwerken.

Dennoch: ich spüre bei vielen unserer jungen Leute auch ganz klar den Wunsch, sich einzubringen in die Gesellschaft. Manchmal brauchen sie vielleicht einfach nur den richtigen Anstoß.

Deshalb müssen wir die Nachwuchsgewinnung mit umso mehr Kreativität und Ausdauer angehen.

Es gilt dabei auch Zielgruppen wie Frauen, Migranten, Senioren oder Quereinsteiger bewusst anzusprechen und zu werben.

Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass bereits Aktive auch bei Veränderungen ihrer Lebensumstände dem Bevölkerungsschutz erhalten bleiben.

Im September haben wir uns mit Vertretern der Bundesländer, der kommunalen Spitzenverbände, des THW, der Hilfsorganisationen, der Regieeinheiten und der Feuerwehren zusammengesetzt.

Wir haben gemeinsam ein Forschungsprojekt auf den Weg gebracht, das genau diese Fragen zum Gegenstand hat.

Zweck ist die langfristige Sicherstellung der ehrenamtlichen Strukturen im Bevölkerungsschutz.

Es geht um die Zusammenhänge zwischen Engagement und Lebenssituation:

  • Wie können wir schon in Kindheit und Jugend Interesse für den Bevölkerungsschutz wecken? Wie können dabei Kindertagesstätten und Schulen eingebunden werden?
  • Wie sieht es in der Ausbildungszeit oder im Studium aus? Bleibt freie Zeit für ehrenamtliches Engagement? Können vielleicht auch Berufsschulen und Universitäten Partner für den Bevölkerungsschutz sein?
  • Viele Helferinnen und Helfer verlieren wir in der Phase des Berufseinstiegs und der Familiengründung.

Welche Möglichkeiten gibt es, um uns diese Aktiven trotz wenig Freizeit und möglicher Wohnortwechsel für den Bevölkerungsschutz zu erhalten oder später zurückzugewinnen?

  • Im Berufsalltag hängt viel vom guten Willen und der Akzeptanz der Arbeitgeber ab. Zwar besteht in der Regel ein Freistellungsanspruch und dem Mitarbeiter dürfen hierdurch auch keine Nachteile entstehen, aber „Papier ist geduldig“.

Nur wenn Arbeitgeber das Engagement ihrer Mitarbeiter gutheißen und unterstützen, wird aus dem Anspruch auf dem Papier eine Realität. Welche Möglichkeiten gibt es, Arbeitgeber in den Bevölkerungsschutz mit einzubinden?

  • Wie lassen sich ehrenamtliches Engagement und Karriereplanung oder Weiterbildung miteinander vereinbaren? Kann es hier Synergien geben?
  • Wie ist die Situation am Ende des Berufslebens im Renten- und Pensionsalter? Freie Zeit wäre nun da. Aber besteht auch Interesse, sich noch oder wieder für den Bevölkerungsschutz zu engagieren?
  • Welche Rolle spielen weitere Aspekte wie das Geschlecht oder ein Migrationshintergrund? Gibt es besondere Hemmschwellen bei den Betreffenden oder verdeckte Zugangshindernisse in den Organisationen des Bevölkerungsschutzes?

Ehrenamtliches Engagement wird schon heute mit den unterschiedlichsten Ansätzen gefördert.

Helfererhalt und Helfergewinnung sind wichtige Themen in den Landes- und Ortsverbänden. Es gibt hierzu eine Vielzahl von Initiativen und Projekten vor Ort.

Solche Beispiele aus der Praxis sollen ausgewertet und verschiedenen Lebenssituationen zugeordnet werden.

So erhalten wir eine strukturierte Übersicht oder eine Art Baukasten von Best-practice-Modellen und gleichzeitig einen Überblick über noch unbearbeitete Felder.

Viele  gute Ideen und Modelle finden sich insbesondere unter den seit 2009 im Wettbewerb um die „Helfende Hand“ eingereichten Projekten.

Sie sind viel zu schade, um nach der Preisverleihung wieder in der Versenkung zu verschwinden bzw. in Vergessenheit zu geraten.

Deshalb werden wir diese Projekte gezielt mit auswerten und auf ihre Nachhaltigkeit hin weiter beobachten.

Unsere traditionelle ehrenamtliche Struktur ist richtig und sinnvoll. Eine breite Präsenz von Helfern in der Fläche garantiert am besten eine schnelle und effektive Hilfe vor Ort.

Vielleicht müssen wir aber neue Formate finden, die besser zum heutigen Lebensalltag passen.

Hier denke ich etwa an zeitlich befristete oder projektbezogene Engagements.

Moderne Technologie kann uns helfen, an manchen Stellen mit weniger Helfern auszukommen.

Ein Löschfahrzeug übernimmt heute bereits die Arbeit vieler „helfender Hände“, die früher die Wassereimer tragen mussten, um nur ein Beispiel zu nennen.

Zudem macht der Umgang mit moderner Technologie das Engagement nicht nur effektiv sondern auch attraktiv.

Vielleicht brauchen wir mehr Unterstützung durch hauptberufliche Kräfte. Ehrenamt und hauptberufliche Kräfte können sich sinnvoll ergänzen.

Der Bundesfreiwilligendienst kann hier eine Rolle spielen.

Das Gleiche gilt für spontane Helfer, die nicht in unserem Hilfeleistungssystem organisiert, aber im Ernstfall trotzdem vor Ort sind.

Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist da, davon bin ich überzeugt. Viele Menschen nehmen bei einem Hochwasser ganz spontan den Sandsack in die Hand.

Diese Hilfsbereitschaft fügt sich nur nicht immer in die bestehenden Strukturen unserer Feuerwehren und  Hilfsorganisationen ein.

Vielleicht müssen wir hier Raum für ein wenig mehr „Unordnung“ und Spontanität schaffen und Wege finden, auch solche Ressourcen sinnvoll mit einzubinden.

Unser Nachbarland Österreich könnte hier ein Vorbild sein. Wer im Notfall mit anpacken möchte, ohne sich hierfür an eine Organisation fest zu binden, kann sich online beim „Team Österreich“ registrieren.

Im Ernstfall werden die registrierten Helfer per SMS, Telefon oder E-Mail verständigt. Wer Zeit hat und helfen möchte, meldet sich beim angegebenen Kontakt und erfährt in einer kurzen Erstinformation alles Wesentliche.

Bei der Anmeldung werden zahlreiche Fähigkeiten wie Sprachkenntnisse, Erste-Hilfe-Ausbildung und Beruf abgefragt und in eine Datenbank eingepflegt.

Um tatsächlich für Einsätze alarmiert zu werden, muss man lediglich eine vierstündige Einweisung besuchen.

Wir müssen unsere Strukturen anpassen und fortentwickeln, aber nicht aufgeben. Der Bevölkerungsschutz lebt vom Ehrenamt und das Ehrenamt im Bevölkerungsschutz hat Zukunft.

Die vielen guten Projektideen für die „Helfende Hand“ zeigen das. Viele der aktuellen Fragen sind hier bereits aufgegriffen.

Um nur zwei Beispiele zu nennen:  

  • Das Projekt „EASI – Helfende Hände altern nicht“ greift den demographischen Wandel auf,
  • das Projekt „Kinderbetreuung beim THW“ die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Ehrenamt.

Diese und viele andere Wettbewerbsbeiträge gehen gute neue Wege. Die Entscheidung war deshalb alles andere als leicht.

In der neunköpfigen Jury saßen neben Behördenvertretern jeweils ein Vertreter

  • des Arbeiter-Samariter-Bundes,
  • der Freiwilligen Feuerwehren,
  • der Johanniter-Unfall-Hilfe,
  • des Maltheser-Hilfsdienstes,
  • der Regieeinheiten
  • und des Technischen Hilfswerkes.

Bei ihnen möchte ich mich herzlich für Ihre Arbeit bedanken.

Bedanken möchte ich mich nochmals bei allen Teilnehmer des diesjährigen Wettbewerbs.

Nicht jeder kann gewinnen, aber Sie alle sind ein Gewinn!

Ich danke Ihnen für Ihr außergewöhnliches Engagement und Ihre kreativen Ideen.

Allen Preisträgern möchte ich bereits an dieser Stelle ganz herzlich gratulieren.